Das Märchen von den Sternen von Strandleicher

Autor: Strandleicher
Titel: Das Märchen von den Sternen
Kategorie: Romane & Erzählungen
publiziert am: 03.05.2011 23:18
Inhalt:

Einst waren die Eintagsfliegen ein buntes, lustiges Völkchen. Sie schillerten in allen Regenbogenfarben und schwirrten unbeschwert über Wiesen und Felder. Wie kleine Elfen sahen sie aus, ganz zart und wunderschön. Wenn sie es besonders eilig hatten, dann huschten sie nur so vorüber und es erschien, als würden sie einen Schweif von kleinen blinkenden Sternchen hinter sich herziehen.

Das Leben der Eintagsfliegen war sehr kurz, denn ein jedes dieser Geschöpfe hatte gerade mal einen Tag zu leben. Deshalb nannte man sie ja auch Eintagsfliegen. Sie schlüpften im Morgengrauen aus ihren winzigen Eiern und starben sanft und friedlich mit den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Doch den Eintagsfliegen machte das nichts aus. Sie hatten ein wundervolles Leben und waren glücklich und zufrieden.

Morgens beeilten sie sich sehr damit aus ihren kleinen Eilein zu kriechen, denn keine von ihnen wollte das erste Blinzeln der aufgehenden Sonne verpassen. Leider passierte es immer wieder, dass eines der größeren Eintagsfliegenbabys in seiner Schale stecken blieb. Mit aller Kraft zogen und zerrten dann die anderen an seinen Ärmchen und Beinchen, bis der Nachzügler mit einem lauten „Plopp“ aus seiner Hülle purzelte. Anschließend saßen sie alle beisammen, reckten und streckten sich und genossen die wärmenden Strahlen auf ihren buntbefleckten Körpern. Dann entfalteten sie langsam ihre vier kleinen Flügelchen. Diese schauten anfangs immer noch ein wenig zerknittert aus, doch es dauerte nicht lange, da waren sie glatt aufgespannt und die Sonnenstrahlen ließen sie schimmern und scheinen als wären sie aus feinem Kristall.

So schwirrten die Eintagsfliegen munter der Sonne entgegen, die mittlerweile freuden¬strahlend ihr volles rundes Gesicht zeigte. Sie badeten im Morgentau, der sich in dicken Tropfen auf den Blüten und Blättern der Wiesenblumen sammelte. Sie spielten Fangen und Verstecken und lachten und tanzten mit den Schmetterlingen um die Wette. Dabei war es schwer zu sagen wer nun schöner aussah, die Eintagsfliegen, oder die Schmetterlinge?

Zu jeder vollen Stunde feierten die Eintagsfliegen ihren Geburtstag und da alle in etwa zur gleichen Zeit geschlüpft waren, konnten sie ihn immer gemeinsam feiern. Das machte natürlich viel mehr Spaß und keine von ihnen musste Angst haben nicht eingeladen zu sein. Neben den Eintagsfliegen kamen auch viele ihrer kleinen Freunde und alle trugen etwas zum Fest bei. Die Bienen hatten den süßesten Honigkuchen gebacken. Obendrauf steckten sie herr¬lich duftende Geburtstagskerzen, die aus Bienenwachs gefertigt waren. Die Schmetterlinge schenkten köstlichen Nektar aus und Ameisen und Käfer hatten feine Beeren gesammelt. Schließlich waren da noch die Grillen. Diese waren für die Festmusik zuständig und so fiedelten sie ein lustiges Liedchen nach dem anderen bis der Geburtstag zu Ende ging.

Anschließend waren alle satt und kugelrund gegessen. Die fleißigen Bienen und Ameisen kehrten alsbald wieder zu ihrer Arbeit zurück, die Grillen hüpften eine nach der anderen davon und die Käfer krabbelten langsam ihres Weges auf der Suche nach einem ruhigen, sonnigen Plätzchen. Nur die Schmetterlinge und unsere Eintagsfliegen blieben zurück und da es sich mit einem so vollen Bauch gar allzu schlecht fliegen lässt, blieben sie noch eine Weile sitzen und erzählten sich Geschichten. Unter den vielen Geschichten gab es eine ganz besondere, die die Eintagsfliegen am allerliebsten hörten. Es war das Märchen von den Sternen. Meist war es ein ganz besonders großer und alter Nachtfalter, der dieses Märchen erzählte und alle saßen still und hörten gespannt zu:

Ihr lieben Eintagsfliegen, begann er mit ruhiger Stimme, seid ein so wunderschönes Völk¬chen. Ihr schimmert und funkelt, dass es eine wahre Freude ist. Ach ihr bezaubernden Wesen, aber schaut mich an. Mein Kleid ist blass und grau und niemand würde sich an meinem Anblick erfreuen, wenn ich am Tage meine Runden drehen würde. Also verkrieche ich mich lieber in den schattigsten Ecken und Winkeln und warte auf den Abend. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, wenn die Farben des Tages verblassen und die Ruhe der Nacht sich langsam über Wiesen und Felder legt, dann komme ich aus meinem Versteck hervor.

Ich spüre, wie der kühle Abendwind sanft über meine Flügel streicht. Ich höre sein leises Lied, das er mit sich trägt – das gleichmäßige tsstsstsstss der Grillen – die letzten Noten der Nachtigall, die dem Rest der Welt ihr Gutenachtlied singt; und als auch diese ihre kleinen schwarzen Äuglein schließt erhebe ich mich sachte in die Lüfte. Lautlos steige ich höher und höher während unter mir die Welt in tiefem Schlafe liegt. Alles ist still und in Schatten gehüllt. All die leuchtenden Farben der Blätter und Blüten, all das Summen, Brummen, Pfeifen und Singen der kleinen und großen Tiere ist zusammen mit dem Licht des Tages vergangen.

So wie auch das kurze Leben von euch Eintagsfliegen. Als die Sonne glühend rot am Horizont versunken ist, da hat auch die letzte eurer Brüder und Schwestern für immer die Augen geschlossen. Noch klingt mir euer helles Lachen in den Ohren. Ich stelle mir vor, wie fröhlich die Stunden mit euch waren, wie ihr gefeiert und getanzt habt und während ich so träume wird mir das Herz ganz schwer. Ich fühle mich plötzlich einsam und alleine in dieser großen weiten Welt. „Ach!“, mit euch Eintagsfliegen war sie stets hell und bunt wie ein Regenbogen gewesen, doch nun ist dieser vergangen und zurückgeblieben ist eine dunkle, tote Welt, in der ich nichts mehr entdecken kann, was mir Freude bereitet. Immer schwerer wiegt die Traurigkeit in meiner Seele und immer mühsamer wird mein Flügelschlag. „Was hat es denn noch für einen Sinn so allein durch die Nacht zu fliegen?“, frage ich mich. Doch ich finde keine Antwort und höre schließlich ganz auf mit den Flügeln zu schlagen. Wie ein Stein stürze ich in die Tiefe, hinein in die dunklen Schatten und dem sicheren Tod entgegen.

Flllapppppppppppppppppp!!!!!!!!!! Nein, das war nicht der Aufschlag, mit dem alles zu Ende gewesen wäre, sondern das Geräusch das entstand, als ich in letzter Sekunde den rasenden Sturz mit all meiner Kraft abfing. Hatte ich da nicht ein Funkeln in der Dunkelheit gesehen? Und dort, schon wieder ein helles Blinken! Ward ihr Eintagsfliegen in Wirklichkeit gar nicht alle tot? Ward ihr lebendig und munter und mittendrin in einem eurer lustigen Versteckspiele? Schnell reibe ich mir die Augen um besser sehen zu können.

Klaren Blickes schaue ich nun nochmals genauer hin und erkenne unter mir die Umrisse eines kleinen Sees. Seine Oberfläche ist glatt wie ein Spiegel und von undurchdringlich tiefem Schwarz. Doch hier und da blitzt es auf und ich verstehe, dass ich in die falsche Richtung schaue. Ich hebe meinen Blick dem Himmel entgegen und mich schaudert unter der Schönheit des Bildes, welches sich mir nun bot:

Unendlich weit spannt sich über mir das himmlische Zelt. In seiner grenzenlosen Finsternis schimmern und funkeln unzählige kleiner und kleinster Sterne. Wie fein-geschliffene Diamanten auf einem Tuch aus schwarzem Samt sehen sie aus. Es sind so viele, dass nicht einmal ein ganzes Nachfalterleben dafür ausgereicht hätte sie alle zu zählen und jeder einzelne ist so schön wie eine von euch Eintagsfliegen. Ich schäme mich plötzlich sehr dafür, wie ich zuvor todunglücklich und mit hängendem Kopf durch die Nacht geflogen bin. Auf einmal erscheint sie mir gar nicht mehr so schwarz und tot. Die Stille, welche ich als so bedrückend empfunden hatte, hatte jetzt etwas Friedliches. Die Dunkelheit umgab mich nicht mehr wie die Mauern eines Gefängnisses, sondern sie hüllte mich ein wie eine weiche, schützende Decke. Natürlich war ich immer noch traurig, doch die Sterne spendeten mir Trost. Ich stelle mir vor, dass jeder einzelne von ihnen früher einmal eine Eintagsfliege war – einst singend und lachend in einer bunten und lebendigen Welt und nun unerreichbar weit entfernt, aber doch wunderschön und strahlend wie damals zu Lebzeiten.

Eine kurze Weile schwieg der Nachtfalter und es war ganz still. Alle waren wie verzaubert. Manche hatten sogar ein bisschen geweint, so dass auf ihren Wangen noch ein paar klitzekleine Tränen glitzerten. Schließlich fuhr er leise fort:
Vielleicht ist es auch nicht so? Vielleicht sind die Sterne auch nur Sterne und ich bin ein dummer und einfältiger Träumer. Vielleicht ist meine Geschichte aber auch wahr und jede von euch wird sich nach ihrem Tod in ein kleines blinkendes Sternchen verwandeln. Als solches wird sie dann weit oben am Himmel stehen und allen Lebewesen, die sich in der Dunkelheit einsam und verlassen fühlen, ein wenig Licht und Trost spenden – Nacht für Nacht, Woche für Woche, Monat für Monat und Jahr für Jahr – bis in alle Ewigkeiten. Und manchmal, flüsterte der Nachtfalter kaum hörbar, wenn man etwas Glück und Geduld hat, kann man eine von Euch übers Firmament huschen sehen - und sie wird einen Schweif von kleinen blinkenden Sternchen hinter sich herziehen.

Mit diesen Worten beendete der Nachtfalter seine Geschichte und unsere Eintagsfliegen waren glücklich und zufrieden. Sie hatten noch ein wenig Zeit sich auszuruhen und so schlössen sie ihre Augen und machten zusammen mit den Schmetterlingen ein kleines Nickerchen. Natürlich hatten alle den gleichen Traum – sie träumten von vielen, vielen tausend kleinen blinkenden Sternen. Danach wachten sie frisch und fröhlich auf und genossen die letzten wunderschönen Stunden ihres ach so kurzen Eintagsfliegenlebens.

Anmerkungen des Autors:

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