Ganz direkt von Strandleicher

Autor: Strandleicher
Titel: Ganz direkt
Kategorie: Sonstiges
publiziert am: 03.05.2011 23:11
Inhalt:

Ich hoffe Du erschrickst jetzt nicht gleich, da ich beschlossen habe einmal ein paar Worte ganz direkt an Dich zu richten... also ich meine so richtig direkt.

Du musst Dir das ungefähr so vorstellen als würden zwei Jungen schon seit einer geraumen Zeit an einem kleinen See verweilen. Ich weiß nicht mehr, wo genau er sich befindet. Es ist so ein kleiner Waldsee mitten im Herbst. Die Buchen um ihn herum verlieren bereits ihr Laub, doch die Nachmittagssonne steht immer noch wärmend am Himmel. Der eine der beiden sitzt schon ein paar Stunden oder so auf dem Steg, welcher einige Meter in das dunkle Wasser hinausführt. Wahrscheinlich waren es keine Stunden, aber das ist egal. Für die beiden Jungs ist es einer jener Momente ihres Lebens, in denen Zeit keine Bedeutung hat. Für sie ist es nicht wichtig, wie sie an diesen Ort gekommen sind und es spielt auch keine Rolle wohin sie später gehen werden. Es ist so ein Moment, in dem jede Sekunde zur Ewigkeit wird, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

Der Junge auf dem Steg hat zuvor Bucheckern gesammelt. Ein kleiner Rest des anfangs ganz ansehnlichen Häufchens liegt noch neben ihm auf einer der Planken. Schuhe und Strümpfe hat er ausgezogen. Der Steg ist gerade so hoch, dass er seine Fußspitzen ins Wasser tauchen kann. Tut er es, dann sieht es für ihn so aus, als wären seine Zehen früher einmal gebrochen gewesen und anschließend schief wieder angewachsen. Der Junge lächelt bei diesem Gedanken. Schon bald zieht er sie wieder aus dem Wasser, da es schon recht kalt ist. Er schaut den Wasserläufern zu, die auf dem dunklen Spiegel der Oberfläche kleine Kreise verursachen. Hin und wieder tastet seine rechte Hand nach dem Häufchen Eckern und schon kurz darauf verschwindet eine davon ausgepult zwischen seinen weißen Zahnreihen.

Der andere Junge läuft einige Meter entfernt langsam und mit gesenktem Kopf am Ufer entlang. Ab und zu bückt er sich nach einem Stein, um ihn dann in den meisten Fällen enttäuscht zwischen die Bäume zu werfen. Dort bedecken rostig rote Blätter in einer dicken Schichte den Waldboden. Doch landen nicht alle seiner Funde raschelnd im Laub. Einige wenige Steine scheinen ihm geeignet zu sein. Diese behält er in seiner Hand, schlendert mit ihnen bis ans Wasser vor, geht in die Knie und wirft sie mit einer schnellen Bewegung flach auf den See hinaus.

Vier Augen verfolgen dann den Flug. Zwei Menschen zählen in ihren Gedanken die immer kleiner werdenden Sprünge, bis der Stein nur noch übers Wasser zu gleiten scheint und am Ende ganz eintaucht um schlingernd auf den Grund zu sinken. Danach trennen sich die Gedanken wieder ohne sich getroffen zu haben. Sie schweifen ab - zurück zu den Steinen am Ufer die einen und den Wellenmustern auf dem Wasser folgend die anderen. Diese beobachten wie sich die Wellenkreise erst vereinen, überlagern und dann doch auseinander laufen
und langsam vergehen. Am Ende liegt die Oberfläche des Sees wieder still.

Gerade ist der Junge auf dem Steg dabei eine der letzten Eckern aus ihrer Schale zu pulen, als plötzlich jemand seinen Namen ruft. Der Klang dieses Wortes bricht ein in seine Welt, wie ein Blitz der die Dunkelheit zerreißt.
Die Oberfläche der Zeitlosigkeit zerbirst wie eine Kuppel aus Glas. Die Vergangenheit öffnet ihre Schleusen und Erinnerungen an das eben Geschehene lassen Ewigkeiten wieder zu Sekunden zusammenschrumpfen. Der Junge auf
dem Steg hat plötzlich Angst. Er selbst merkt das nicht so sehr. Als er jedoch aufschaut und in das Gesicht des anderen Jungen blickt, da ist er froh, dass er nicht alleine dort sitzt. Die beiden schauen sich in die Augen und der Junge am Ufer beginnt zu sprechen. Er spricht genau so, wie ich eben zu Dir sprechen will. Ganz direkt eben:

Anmerkungen des Autors:

Zurück